Kindesmißhandlungen – bei uns?!

Das kann die Mama nicht gemacht haben! Schauen Sie doch mal, was das für eine liebe junge Frau ist!“ (124) – Worte einer Schöffin bei einer Gerichtsverhandlung zu den Rechts-medizinern, nachdem diese ihre Befunde zu den Verletzungen eines kleinen Jungen vorgetragen haben.
 
 
Die „liebe junge Frau“ hatte nichts weiter gemacht, als die Hand ihres 14-monatigen Kindes auf die heiße Herdplatte gedrückt. Chirurgische Sachverständige sind mit den Rechtsmedizinern einer Meinung, die Schöffinnen bleiben unbeeindruckt, „weil Mütter so etwas nicht machen“ (125). Die Mutter verläßt mit einer Bewährungsstrafe das Gericht und nimmt das von ihr mißhandelte Kind wieder mit nach Hause, auf, daß es weitergehe.

Auf diese Weise versagen täglich nicht nur deutsche Gerichte, sondern auch Ärzte, Jugendamtsmitarbeiter, auch Polizisten und Erzieher in Kindertagesstätten – weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Täglich werden mehr als 500 Kinder in Deutschland (!!!) von Erwachsenen aus ihrem familiären Umfeld mißhandelt – über 200.000 Fälle im Jahr, wöchentlich sterben drei Kinder an ihren Mißhandlungen – jährlich über 150 – und das sind nur die bekannten Zahlen, ein Teil des Eisberges.
Zu selten zweifeln Ärzte die Erklärungen der Eltern an, wie es zu den Verletzungen ihrer Kinder gekommen ist, behandeln die kleinen Opfer und unternehmen weiter nichts. So bleiben hunderte Kinder tagtäglich in den Händen ihrer Peiniger.

Die Rechtsmediziner an der Charité in Berlin Michael Tsokos und Saskia Guddat beschreiben in ihrem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ diese Zustände. Aber sie meckern nicht rum, nein, sie klären auf, wie jeder einzelne einschreiten kann, um diese Mißhandlungen nicht durch Wegschauen, Verharmlosen oder Tabuisieren zu begünstigen.

Sie berichten aus ihren eigenen Erfahrungen im Umgang mit Opfern und Tätern, der Polizei und Staatsanwaltschaft, mit Mitarbeitern der Jugendämtern und Erziehern der Kindertagesstätten. Sie klagen an, machen aber auch gleichzeitig Vorschläge, wie derartige Zustände geändert werden können – und zwar von ganz oben. Beispielsweise nach skandinavischen Vorbildern, wo Erzieherinnen ein dreijähriges, praxisorientiertes Hochschulstudium absolvieren müssen, um als Erzieherin arbeiten zu dürfen. In Deutschland ist es möglich, nach einer Umschulung durch das Arbeitsamt als Erzieher/in arbeiten zu dürfen. Kindereinrichtungen auf solch hohem Niveau wie in Skandinavien könnten Mißhandlungen auch nicht gänzlich verhindern aber sehr stark einschränken und vor allem sofort dagegen einschreiten. Aber die deutsche Politik gibt Geld lieber als „Fernhalteprämie“ (Betreuungsgeld) aus, um Eltern umzustimmen, ihre Kinder nicht in eine Tagesstätte zu geben, anstatt dieses Geld in Aus- und Weiterbildung der Erzieher/innen zu stecken.
Um Kinder vor Mißhandlungen zu schützen, Täter zu verfolgen und um dauerhaft geschädigten Opfern lebenslang notwendige Therapien zu ermöglichen, fehlen Gelder an allen Ecken und Enden. Eine einzige Dienststelle eines Landeskriminalamtes in ganz Deutschland ist auf die Verfolgung von Kindesmißhandlungen spezialisiert! Das ist die in Berlin, mit der die Autoren als Rechtsmediziner eng zusammenarbeiten.

„Deutschland misshandelt seine Kinder“ ist ein nicht einfaches Thema. Den Autoren ist es aber gelungen, ein Buch zu schreiben, was auf diese Tatsache unmißverständlich hinweist und verständlich für alle Leser Mißbräuche schildert, deren Bekämpfung erläutert, Tips für Opfer und Geschädigte gibt, damit allen die Augen geöffnet werden, weil solche Tatsachen immer seltener werden müssen!

 
 

Die Seitenzahlen in Klammern hinter dem kursiven Text beziehen sich auf  Zitate aus:

Michael Tsokos / Saskia Guddat
„Deutschland misshandelt seine Kinder“
Droemer Verlag, 2014
ISBN 978-3-426-27616-7

Erhältlich unter anderem bei Amazon.

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