Trippelnde Füßchen in meinen Träumen

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von
Dorothee Klein, den sie nach ihrem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald geschrieben hat.

 

Trippelnde Füßchen in meinen Träumen

Das triste Wetter lockte gar nicht. Und so entschlossen wir uns, eine Fahrt durch den Thüringer Wald zu machen, bis der Regen nachgelassen hatte.
Es war eine herrliche Fahrt über leere Straßen durch stillen und doch so lebendigen Wald. Wir fuhren langsam, wollten genießen – die Landschaft und auch den Duft, der durch die halb geöffneten Fenster ins Auto strömte.
Frisch roch es, irgendwie sauber, extra für uns rein gewaschen.
Ein Gefühl, das das Vogelgezwitscher unterstützte, als der Himmel aufklarte. Eine köstliche Musik in unseren Ohren.
Am liebsten hätte ich die Augen geschlossen und mich wie auf einer Wolke treiben lassen. Erholung pur, dachte ich.

Doch dann fiel mein Blick auf ein Hinweisschild, dessen Text mich aus meinen zufrie-den-glücklichen Träumen riss.
„Blutstraße“, stand da.
Ich war entsetzt. Wie konnte man einer so schönen Straße einen so grausigen Namen geben? Erst das nächste Hinweisschild, das ich mir genauer betrachtete, verstand ich, wo ich mich befand. Am liebsten hätte ich die Füße angezogen, um den Asphalt nicht mehr zu berühren.
„Blutstraße“, las ich mit rauer Stimme. „Von Häftlingen des KZ Buchenwald 1938-1939 erbaut.“

Jeder Buchstabe wirkte auf mich wie ein Schlag ins Gesicht.
„Ich möchte es sehen, dieses KZ“, sagte ich leise.
Es hatte aufgehört zu regnen. Sonnig wurde es nicht, und ich fragte mich, weshalb hier auf dieser Straße die Sonne scheinen sollte.

Ich gehöre zu einem Jahrgang, der in der Schule gelernt hat, wie schuldig wie uns fühlen müssten, wir, die wir doch Nachkriegskinder waren. Jedwedes Heimatgefühl oder gar Stolz auf die Heimat war uns ausgetrieben worden. Es hatte lange gedauert, bis mein widerspenstiges Ich sich durchgesetzt hatte und erkannte, dass mein Deutschland von heute nicht schlechter war als andere Länder.

Doch hier auf dieser Straße, auf dem Weg zum KZ Buchenwald überfielen mich Gedanken, Gefühle und Erinnerungen, deren Stärke mich erschreckte.
Ich sah die Menschen vor mir, die mein freiheitliches Denken, meine Toleranz, mein Leben beeinflusst hatten mit ihren ganz eigenen Geschichten, als wollte ich mir selbst den Rücken stärken, mir Kraft geben für alles, was nun auf mich zukam.

Da war der eine Großvater, den man wegen seiner sozialistischen Einstellung eingesperrt hatte in jener dunklen Zeit. Er war ein so liebevoller und gemütlicher Mann gewesen, der mein Leben viel zu kurz begleitet hatte. Für ihn lag menschliche Stärke in Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. So hatte er gelebt.
Ähnlich wie mein anderer Großvater, der durch seine berufliche Stellung die Möglichkeit hatte, eine Großtante mit Lebensmittelmarken zu unterstützen. Sie hatte zwei jüdische Mädchen auf dem Dachboden versteckt. Opa und Tante waren für mich ein Beispiel für Zivilcourage gewesen, für Gerechtigkeitssinn und Hilfsbereitschaft, ein Vorbild, für welches ich unendlich dankbar bin.

Die Erinnerungen wichen Hilflosigkeit und Herzklopfen, als wir unter dem Gezwitscher der Vögel auf den Eingang des KZ zugingen.
Meine Füße wollten streiken – so wie jetzt meine Finger den Dienst verweigern wollen, wenn ich dieses grausame Wort schreiben muss.
Über den sogenannten Carachoweg, vorbei an den Resten der Kommandogebäude gingen wir auf das große Tor zu. Die Uhr am Torbau war auf 15.30 Uhr stehen geblieben.

„Jedem das Seine“, steht über dem Eingangstor, eine Zynik, die mir die Luft zum Atmen nahm. Sichtbar für alle und lesbar vom Appellplatz aus.

Der Blick über die von Wald umgebene Senke war schockierend. 40 ha waren es zum Schluss, das sind 400.000 qm! Wie viel wunderbare Natur wurde hier für dieses entsetzliche Machwerk zerstört! Insgesamt 250.000 Menschen aus allen Ländern Europas hatten hier gelitten.
Ich hatte plötzlich Tränen im Hals, glaubte fast, die Befehle der Nazischergen zu hören, nein, zu spüren, die einst über den Appellplatz schallten. 15.000 qm Leere erdrückten mich mit Macht.

Die elektrischen Zäune – 3 m hoch – und die Wachtürme wirkten bedrohlich. Ich fühlte mich gefangen in dieser bedrohlichen Weite.
Da, wo einst die Holzbaracken standen, konnte ich ihre Ausmaße nur an verschiedenfarbigem Split erkennen. Unten im Tal entdeckte ich noch ein Original – zu weit weg, als dass ich es hätte erreichen können.

Wir wandten uns nach rechts, wo ich einen Turm entdeckte. Die Gebäude des 1940 errichteten Krematoriums.

Die leeren Räume waren für mich nicht leer. Ich spürte Angst und Verzweiflung aus jedem Mauerstein.
Die grässlichen Arztbestecke im Schrank des Sezierraums und der Pathologie ließen ahnen, welchen Schmerzen die armen Menschen ausgeliefert waren. Sie wurden erhängt oder beim Messen der Größe im Nebenraum durch Genickschuss ermordet. Vor der Verbrennung brach man ihnen die Goldzähne aus.

Die Brennöfen waren geöffnet, so dass ich glaubte, ich müsste die Asche riechen. Viele Blumen zeugten von der Trauer der Besucher. Ich hatte keine mitgebracht, hatte nur meine Tränen.

Der Urnenraum voller schlichter namenloser Urnen war nur durch eine Glasscheibe zu besichtigen. Eine Inschrift im Glas besagte, dass die Asche ohne Rücksicht in die Urnen gefüllt wurde, so dass niemand sicher sein konnte, seinen Verwandten tatsächlich bestatten zu können.
Später hatte es keine Urnen mehr gegeben. Die Asche war dann einfach über das Gelände verteilt worden.

Ich war froh, das Krematorium verlassen zu können. Draußen schnappte ich nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und versuchte, meiner Gefühle Herr zu werden. Im Grunde hatte ich genug gesehen. Dass man uns im Informationsbüro drei Stunden für den Besuch empfohlen hatte, erschien mir wie eine Folter.

Der Weg zum ehemaligen Desinfektionsgebäude schien mir unendlich weit. Aber ich wollte unbedingt die dort untergebrachte Ausstellung besuchen. „Überlebensmittel – Zeugnis – Kunstwerk – Bildgedächtnis“ heißt sie.
Die vielen Porträts, gemalt von Häftlingen, sind unglaublich klar und präzise, erschreckend und anrührend zugleich. Viele der Bilder sind vielleicht das einzige Überbleibsel der Verstorbenen.

Der Weg durch die Ausstellung wurde lang. Ich fror.

Und dann erfuhr ich, dass es mir noch viel kälter werden konnte, dass ich mit Übelkeit und einem nicht zu stoppenden Tränenstrom zu kämpfen hatte.

In einem der Räume gab es ein etwa 2x2m großes Podest, auf dem die Schuhe der Lagerinsassen aufgereiht waren. Sauber und ordentlich, ein Paar neben dem anderen, Reihe um Reihe, große Schuhe, kleine Schuhe, Männerschuhe, Damenschuhe, Kinderschuhe, viele niedliche kleine Kinderschuhe …

Mein Gott, diese süßen winzigen Schühchen! Ich sah die kleinen Füße darin stecken, sah sie durch das Lager trippeln, hörte das Weinen der Kleinen, die Verzweiflung der Mütter …

Es gibt keine Worte, die mein Entsetzen, meine Betroffenheit, meine Gefühle von Wut, Trauer und Scham beschreiben könnten.
Meine Tränen und meine Zerrissenheit konnten nichts ungeschehen machen. Es tat so weh, so unendlich weh!

Unser Rückweg durch die leeren Reihen, wo einst die Baracken standen, vorbei an dem Stumpf der deutschen Eiche, glich fast schon einer Flucht. Mir war, als würde ich getrieben vom Trippeln vieler kleiner Füße.

Die Schönheit des Thüringer Waldes flog an mir vorbei. Der Name der Blutstraße stimmte. Das Gezwitscher der Vögel wirkte auf einmal unecht, als gehörte es nicht hierhin.

Ich nahm sie mit, diese Erinnerung, dieses Entsetzen in mir, und ich wusste, dass ich sie nie vergessen würde.

Auch jetzt noch, nach vielen Tagen, ließen mich die Gedanken an Urnen, Brennöfen und Genickschussanlage nicht los.

Und diese kleinen Füße, sie trippeln durch meine Träume, Nacht für Nacht.

© Dorothee Klein, 27.05.2014


Diesen Artikel habe ich unverändert von Dorothee Klein übernommen. Auch die Fotos sind von der Autorin. Danke, Dorothee.

Wer mehr über das Schaffen und Leben von Dorothee Klein erfahren möchte, schut sich am besten auf ihrer Homepage um.

Dorothee Klein – Autorin

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